warten auf Charlie

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Der Gebrauch von Verbrechen als politischer Nutzen wurde in den vergangenen 200 Jahren zu einer Art ‚Schattentradition’ die meist ignoriert wird. In diesem Blog wird versucht, die gemeinsame Tendenz und den verwandten Zeitgeist der Morde an August von Kotzebue (1819), Hugo Bettauer (1925), Moritz Schlick (1936), Rudi Dutschke (1968) und Theo van Gogh (2004) vorzustellen. 

Die Täter versuchten sich nach den Morden zu Helden ihrer Gesellschaft zu stilisieren. Die meisten fanden ein breites Echo für diesen Drang. Mediale Bühnenwirkung und breite Aufmerksamkeit wurde nicht nur von Gaffer-Kreisen zuerst den Mördern geschenkt und erst dann den Mordopfern zuteil. Der Ruhm der Mörder durchzog alle Medien, Erfolg und Berühmtheit der Mordopfer fiel nach der Tat den Mördern in den Schoß. 

Das über die genannten Fälle verfasste und aktuell aus traurigem Anlass nach den Morden in Paris neu dazukommende Material (Selbstdarstellung der Gewalttäter, politische Reaktionen, Medienkampagnen, Dokumentation, Film, Pressebild, Gerücht und Fiktion) soll in diesem Blog vorgestellt und untersucht werden. 

Das publizierte Mord-Material selbst, konfrontiert mit seinen ideologischen, sozialen, medienkritischen und politischen Beständen, seinen medialen Diskursen und fiktionalen Bearbeitungen entblößt den Kern dieser Gewalttaten  als vielschichtige sowohl individuelle als auch kulturelle Eskalation politisch-sozialer Gewaltförderung.

Merkmale von Jugendrevolten und politischen Umbrüchen trafen und treffen auf soziale Ausgrenzung und gewaltfördernde Instrumentalisierung  von Glaubenssplittern durch Hintergrund-Betreiber der Zerstörung jener Gesellschaften, die von diesen Morden erschüttert worden sind und immer noch werden.

In den Morden an Kotzebue, Bettauer, Schlick, Dutschke und van Gogh sind Gemeinsamkeiten erkennbar, die zusammen eine politische Schattentradition ergeben.

Zunächst fällt die ideologische und psychische Manipulation haltloser Täter auf, die bis zum Mord eine Vorstellung  von sich als Helden und Erlöser oder Rächer in gesellschaftlichem Auftrag entwickelten. Sie glaubten, in göttlichem, nationalistischem oder politischem Auftrag zu morden. Auch soziale oder psychische Anfälligkeit der Mörder für politisch-autoritäre Manipulation, auch individuelle Affinität für Gewalttätigkeit im Zusammenhang mit persönlichem Scheitern oder Versagen wird sichtbar. Ebenso auffallend ist ihre todbereite Neigung zur Selbstopferung nach dem Mord. Doch davor setzen sie sowohl die Gewalttat als notwendige Rache oder Erlösung in Szene und ebenso sich selbst als opferbereiten Helden einer möglichst breiten Öffentlichkeit. Sie haben gelernt, das medial wirksam zu präsentieren.

Kriege, Zerstörungsfolgen, autoritäre Systeme oder Systemreste in Nachkriegszeiten, postkoloniale staatliche Neuordnung, wirtschaftliche Globalisierungsprozesse sind der Hintergrund, den gewaltfördernde politische Repräsentanten mit öffentlicher Kampfrhetorik, Blindheit und sozialpolitischer Unfähigkeit zu einem gefährlichen Pflaster machen.

Wird versäumt, Minderheiten gesellschaftlich zu integrieren, aber statt dessen mit aggressiv ideologisch entstellenden Polemiken gegen sie vorgegangen, entstehen Bevölkerungsteile, die durch autoritäre Ideologen und pseudoreligiöse Tendenzmacher mit falschen Versprechungen dirigierbar sind. Das ist der Hintergrund, vor dem sowohl die historischen als auch die gegenwärtigen Mordopfer zu Staatsfeinden, Gesellschaftsschädlingen oder Kultur-Vernichtern abgestempelt wurden.

Verbindender ‚Zeitgeist‘ der genannten Mordfälle ist z.B. das Zusammentreffen von Sündenbock-Markierungen von Gesellschaftsgruppen mit politischen Angriffen und öffentlichen Medienattacken gegen die späteren Mordopfer, die verbal mit Elementen dieser Sündenbock-Markierungen ausgestattet waren. Das machte die späteren Mordopfer für gewaltanfällige, vorurteilsgeladene Täter zum geeigneten Mordobjekt das mit der vorherrschenden Sündenbock-Ideologie in Verbindung gebracht werden konnte.

Fundamentalistisch geprägte Ideologien und Kulturkämpfe, Verletzungen von Menschen- und Verfassungsrechten kennzeichnen den politischen Nährboden, auf dem die prominenten Nonkonformisten Kotzebue, Bettauer, Schlick, Dutschke und van Gogh von manipulierten Verbrechern in Heldenpose ‚hingerichtet‘ wurden. In der aktuellen Tagespolitik ergaben diese Mordtaten kurzatmigen Nutzen und wurden schamlos gewinnbringend von politischen Akteuren und ihren Trittbrettfahrern ausgebeutet.

Öffentlichkeit, Justiz und politische Parteien praktizierten nach den blutigen Gewalttaten eine Art Schuldumkehr, förderten gesellschaftliche Hysterie und/oder wiederholten reaktionäre Rezepturen der Verhinderung solcher Gewalt. Rechtsverstöße in Ermittlungen und Prozess, Blindheit für den Kern der politisch-religiösen Mordbegünstigung und in einigen Fällen skandalös milde Urteile in Schauprozessen sind Lehrstücke der nachträglichen Rechtsberaubung der Mordopfer durch Exekutive und Justiz.

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1936: Mord in der Universität Wien – Kulturkampf, Pfründenkrieg, illegale Nazis und öffentliche Brandmarkung des Philosophen Moritz Schlick als Christenfeind und ‚Muss-Jude‘

 Zur Zeit des Mordes an Moritz Schlick war nach Schattendorf, dem Brand des Justizpalastes, dem Bürgerkrieg im Februar 1934 eine austrofaschistische Diktatur am Werk, die eine aggressive Politik der Gleichschaltung und Vertreibung von aktiven Demokraten, unabhängigen Intellektuellen, Sozialisten und Juden betrieb. Vier Wochen vor dem Juliabkommen zwischen Schuschnigg und Hitler wurde der Philosoph Moritz Schlick nach mehreren Jahren der Bedrohung und Verfolgung erschossen. Der Mord war als öffentliche Hinrichtung inszeniert, der Mörder stellte sich in der Pose eines Helden und der Prozess fast ein Jahr später war eine Art Schauprozess, der den noch an der Universität und in Wien verbliebenen intellektuellen Gegnern des Regimes ein Menetekel zeichnete. 
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Mord auf politischer Bühne: zum Hintergrund der Ermordung des Philosophen Moritz Schlick 1936 in der Aula der Universität Wien

Der Philosoph Moritz Schlick wurde 1936 am Ende des Sommersemesters von einem ehemaligen Studenten auf der Feststiege der Aula in der Universität Wien vor zahlreichen Anwesenden erschossen. Der Täter hatte den Mord als eine Art Hinrichtung inszeniert und stellte sich nach der Tat – mehr der medialen Öffentlichkeit als der Polizei – in der Pose eines Helden.

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